Beschreibung des Sachbuches "Mythos Granat, Faszination Karfunkel in Geschichte, Literatur und Medizin.

Die Geschichte des Karfunkelsteins Granat gleicht einer abenteuerlichen Zeitreise durch die Jahrtausende.
„Karfunkelstein“, ein durchaus volkstümliches Thema. Das Wort Karfunkel erinnert fast jeden von uns an Märchen und Sagen unserer Kindheit, ohne dass uns bewusst wird, was die Faszination dieses scheinbar geheimnisvollen Steins ausmacht und wodurch sein Mythos entstand.
 
Das zu ergründen, reizte mich. Mein Ziel war es, den alten Volksglauben an die Wunder der Edelsteine, besonders des Granats, durch das Aufspüren volkstümlicher Überlieferungen und das Forschen in wissenschaftlichen Quellen namhafter Gelehrter von der Antike bis in die Neueste Zeit zu entschlüsseln
Ich verfolgte zahlreiche Spuren, die der Karfunkel in Kunst, Literatur und Medizin in vielen Ländern der Erde hinterlassen hat.
Rote, durchscheinende Edelsteine wurden Karfunkel genannt. Neben Rubin und Spinell sind wohl die Granatarten Pyrop und Almandin die populärsten Karfunkelsteine In meiner Arbeit bringen Legenden, Sagen, Fakten und Auszüge alter Chroniken die Personen, die in Verbindung zum Granat stehen, dem Leser näher und lassen ihren Schmuck in einem anderen Licht erscheinen, denn die blutroten Farbtöne der Granatarten Almandin und Pyrop signalisierten bis ins Mittelalter Herrscherwürde und Macht im weltlichen und kirchlichen Bereich. Sie waren aber auch ein Symbol der Opferbereitschaft.
Von der Antike bis in die Neuzeit und darüber hinaus wurden den Edelsteinen spezifische Eigenschaften zugesprochen. Man ging sogar davon aus, dass die Edelsteine ein eigenes Wesen haben. 

Durch meine Arbeit habe ich versucht, den Granat aus seinem Schattendasein zu holen und von allen Seiten zu beleuchten. Ich stellte fest, dass er besonders im Mittelalter ein berühmter Karfunkel war, um den sich ein bunter Kranz von märchenhaften Geschichten, Glauben und Aberglauben rankte.

Nach meiner Erkenntnis gibt es bisher keine kulturgeschichtliche Studie zum Granat oder Karfunkelstein. Darum entschloss ich mich im Jahre 2000, zunächst nach Tschechien zu reisen, jedem bekannt auch durch den böhmischen Granatschmuck unserer Groß- und Urgroßmütter. Damals ahnte ich noch nicht, dass der Granat viel ältere Wurzeln hatte.

Meine Recherchen in Tschechien führten zu anderen Spuren und zu der Frage, ab wann und wo der Granat in der Geschichte nach heutigen Erkenntnissen erstmalig genannt wird.
Alte und neue Geschichts- und Steinbücher aus vielen europäischen Bibliotheken brachten mich auf die Spur des roten Granatsteins und seiner „steinalten“ Vergangenheit.
Der Grieche Theophrast  verglich ihn mit glühender Kohle, nannte ihn „Anthrax“ und beschrieb erstmals sein magisches Leuchten in einem von ihm verfassten Steinbuch.
Diese Leuchtkraft beschäftigte z.B. auch den Historiker Diodorus und den Römer Plinius, die den beeindruckenden Stein Carbunculus nannten.

Der rote Granat war in allen Kulturen seit der Antike beliebt und geschätzt: Als Handelsobjekt, als Schmuck- und Heilstein mit magischen Kräften, und besonders in der christlichen Allegorese des Mittelalters als leuchtendes Symbol für Christus. 

In meiner Arbeit beschreibe ich auch granatbesetzte Goldschmiedearbeiten der verschiedenen Epochen, von den Siegelringen Alexanders des Großen bis zu den Granatsteinen in den Reichsinsignien, in Kirchenschätzen, und den prächtigen böhmischen Granatparuren des 19. Jahrhunderts.
Ein besonders berühmter Karfunkel soll z.B. der große leuchtend-rote Leitstein der Reichskrone gewesen sein. Angeblich wurde das Kronjuwel im Jahre 962 für den Sachsen Otto I anlässlich seiner Krönung, auf der Insel Reichenau angefertigt.
Der Leitstein der imposanten Reichskrone wurde im Volksmund und von den Dichtern der Zeit „der Waise“ genannt.  Dieser Stein sollte den Träger stärken, seinen Mut und die Tapferkeit entfachen, sein strahlendes Licht Weitsicht suggerieren.
Die blutrote Farbe des legendären Steins erinnerte jedoch auch an die Macht des Herrschers des Heiligen Römischen Reiches und damit an seine Verpflichtung, als Vertreter Christi auf Erden jederzeit bereit zu sein, für seinen Glauben als Märtyrer zu sterben.

Doch in der Regierungszeit Karls IV in der Mitte des 14. Jahrhunderts verschwindet der legendäre Stein.
Sollte der begeisterte Reliquiensammler Karl IV die Kraft dieses Steins so geschätzt haben, dass er ihn allein besitzen und auf der böhmischen Burg Karlstein verstecken wollte, um ihn dort im stillen Kämmerlein zu verehren?
Dieser Kronjuwelenkrimi wurde auf jeden Fall nie aufgeklärt, und der fehlende „Waise“ durch einen blauen Saphir ersetzt, der nicht so recht in die Fassung zu passen scheint, aber noch bis heute in der Reichkrone zu bewundern ist.

Poeten vom Mittelalter bis zur Romantik sprachen dem blutroten Stein geheimnisvolle Eigenschaften zu. Demnach sollte der Karfunkel angeblich die Kräfte aller Edelsteine in sich  vereinigen. Dadurch wurde die Legenden- und Sagenbildung geschürt und trieb eigentümliche Blüten.
Von den hervorragenden Eigenschaften der roten Granate und Almandine wollten schon zur Zeit der Völkerwanderung die Führer der großen Germanenstämme profitieren. Sie schmückten sich mit granatbesetzten Broschen, Scheibenfibeln genannt.
Auch das Zaumzeug der Pferde und die Waffen waren mit den blutroten Steinen besetzt. Sie sollten des Trägers Mut stärken und Schutz im Kriegsgetümmel gewähren.
Die Frauen der Edlen schmückten sich ebenfalls mit granatbesetzten Fibeln, Ringen, Spangen und Gürteln. Nicht selten waren auch das Essgeschirr, Schalen und Pokale mit roten Almandinen besetzt.

Der Schmuck wilder kaukasisch-iranisch-asiatischer Nomadenstämme dieser Zeit war ebenfalls häufig mit funkelnden Granaten verarbeitet, denn der rote Stein passte hervorragend zur Mentalität der wilden und unerschrockenen Krieger der Skythenstämme, der Sarmaten und auch der Hunnen.

Das Karfunkelfieber erfasste ebenfalls Naturwissenschaftler, frühchristliche Kirchenväter und  Steinbuchautoren des Mittelalters.
Sie schrieben euphorisch über den Karfunkel, der sogar die Kraft haben sollte, im Dunkeln durch die Kleider hindurch sichtbar zu leuchten! „...Und solchen (Karfunkel) sah ich!“ behauptete Albertus Magnus.
Jedoch schon einige Jahrzehnte vor dieser Aussage, um 1177, kursierten Gerüchte über einen Brief, den angeblich ein christlicher Priesterkönig aus Indien, genannt Johannes, an den Kaiser Emanuel von Ostrom geschrieben haben soll. Dieser berichtet in seinem Schreiben euphorisch über einen Fluss im Karfunkeltal, der mit Edelsteinen angefüllt ist, und von Karfunkelsteinen, die nachts den Palast des Priesterkönigs beleuchten.
Das Resümee solcher Lobhymnen konnte nur bedeuten: Ein Stein, der die guten Eigenschaften  aller edeln Steine in sich vereinigt, war das ideale Symbol für Christi Opfertod, sein Leuchten ein einprägsames Beispiel des göttlichen Lichtes.  

Heiler und Magier schätzten den roten Stein, nicht zuletzt, weil seine Farbe dem menschlichen Blut gleicht.
Im Parzival des Wolfram von Eschenbach soll ein Karfunkel die vergiftete, eiternde Wunde des leidenden Königs Anfortas heilen. Hier wächst angeblich dieser wundersame Stein in der Stirn eines „reinen Einhorns“ und wird zur Behandlung des kranken Gralskönigs herausoperiert.

Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass im Museum für Preußischen Kulturbesitz in Berlin tatsächlich ein Therapiegerät verwahrt wird, dass aus einem großen Granatstein besteht, der von einer Bronzekralle gehalten wird. Es soll aus dem 12/13. Jahrhundert stammen.
Mehrmals noch taucht der Granat oder Karfunkel im „Parzival“ auf: Beim Mahl der Gralsritter wird z.B. der Heilige Gral auf eine kostbare, dünn geschliffene, rote „Hyazinth-Granatplatte“ gelegt.
In Scharfenbergs „Jüngerem Titurel“ berichtet der Bruder Parzivals über den Priester-Johannes-Palast, der angeblich durch das Karfunkelleuchten verirrten Menschen den Weg weist.

Erst vor einigen Monaten entdeckte ich in „Zedlers Universal-Lexicon“ aus dem Jahre 1733 unglaubliche Karfunkelgeschichten, die allerdings auch der Autor selbst mit zurückhaltender Skepsis schilderte: So soll es in den Karpaten und in den Alpen riesige Karfunkel gegeben haben, die nachts die finsteren Berge erhellten. Der König von Siam soll, laut Zedler, sein Gemach mit einem Riesenkarfunkel, der von einer Schlange geboren wurde, erleuchtet haben....

In den letzten Kapiteln meiner Arbeit gehe ich auf den böhmischen Granat ein, der „Pyrop“ genannt wird, und den schon keltische Stämme dort nutzten. Ich berichte auch über die Herrscher Karl IV und Rudolf II, die diesen Stein besonders schätzten und seine Popularität und damit auch das wirtschaftliche Wachstum in Böhmen förderten. Der feurig-rote Pyrop wurde der Nationalstein des böhmischen Volkes und ist eng mit der Kulturgeschichte des Landes verwoben.

Zum Abschluss meiner Arbeit beschreibe ich noch einige Granatschmuck tragende Damen, suche  Parallelen zwischen der porträtierten Person, ihrer Position, Ausstrahlung und der Art des Granatschmucks, den sie trägt.
Ich habe z.B. ein Gemälde beschrieben von Joos van Cleve (15./16.Jhd.), der die melancholische Königin von Portugal und Frankreich, Eleonore, porträtierte.
Der Maler fängt das Leuchten der roten Karfunkel brillant ein und malt eine junge Königin, die würdig ihr Schicksal trägt, und somit auch die zwei Ehen, die ihr Bruder, Kaiser Karl V (1500-1558), seiner Schwester  aufzwängt. Eine Liebesheirat wird ihr verwehrt.
Zunächst ehelicht Eleonore den schon zweimal verwitweten, unansehnlichen, aber lebenshungrigen König Emmanuel I von Portugal, der auch „der Bucklige“ genannt wird.
Durch die zweite von Karl V erpresste Heirat Eleonores mit Franz I von Frankreich will der Kaiser mehr Macht und Einfluss über seinen politischen Gegner Franz erzielen.
Auf dem Gemälde sollen die als Schmuck getragenen roten Karfunkel Symbole sein für Liebe und Macht, sind aber gleichzeitig Zeichen der Melancholie. An Letzterer litt die junge Königin, deren Leben ähnlich glücklos zu sein scheint wie das ihrer Mutter, Johanna der Wahnsinnigen.

Auch J.D. Favas, Ferdinand Waldmüller, Wilhelm Leibl und Julius Schmid malten Damen mit Granatschmuck.
Wir sehen junge Mädchen, die stolz eine kleine Granatbrosche tragen, denn funkelnde Brillanten waren für unverheiratete Frauen unschicklich.
Alpenländische Karfunkelhalsbänder malte Leibl und hob damit die Bodenständigkeit der Trägerinnen hervor, die diesen Schmuck geerbt hatten und wahrscheinlich an die nächste Generation weitergaben.

Einige Abbildungen erhielt ich von den Nordböhmischen Museen in Turnov, Herrn Dr. Cogan, und der Regionalgalerie in Liberec, Fr. PhDr. Vera Laštovková.
Frau Dr. Vera Vokacova, die ehemalige Leiterin des Kunstgewerbemuseums in Prag, gab mir brieflich wichtige Hinweise für die Reise nach Tschechien. Frau Dr. Alena Krizova von der Mährischen Galerie Brünn konnte mir mit Bildmaterial helfen. Herr Dr. Miroslav Cogan vom Museum in Turnov führte mich durch die bedeutende Schmucksammlung dieser Region.
Im Nationalmuseum Prag waren die Tipps der Kuratorin, Frau Dr. Dana Stehlikova, sehr aufschlussreich für meine  Nachforschungen.
Im November 2002 erhielt ich auf Anfrage ein Schreiben der Eremitage St. Petersburg (Olga G. Kostjuk), das eine Aufstellung zahlreicher Granatschmuckstücke vom 3. Jhd. v. Christus bis zum 19. Jahrhundert enthielt. Diese kostbaren Zeitzeugen werden dort verwahrt.
 
Vielleicht hat ein Buch über Karfunkelschätze und den wundersamen magischen Anthrax der Antike und des Mittelalters eine Chance auf dem Markt? Ein Sachbuch, das allgemein verständlich ist, soll den Leser unterhaltsam und informativ durch  Schmuck-, Literatur- und Medizingeschichte führen.
Ein Buch, das über karfunkeltragende Drachen und Einhörner berichtet, über mutige Ritter, die diese Ungeheuer und Fabelwesen bekämpfen, um an kostbare Karfunkel zu gelangen.
Es wird jedoch auch über angesehene Kirchenväter, Wissenschaftler, Poeten und Heiler berichtet, die ehrfürchtig und gläubig diese unglaublichen Phänomene beschrieben und dadurch den Mythos um den Karfunkel schürten.
Sie weckten die Sehnsucht vieler Menschen nach Wundern und heilenden Steinen, die bis in unsere Zeit anhält und die in den letzten Jahren sogar eine nie gekannte Renaissance erlebt.
 
Dem anspruchsvollen Leser stehen Fußnoten der zahlreichen Quellen zur Verfügung, die aber aus optischen Gründen auch durchaus am  Schluss des Buches in einem Anhang erscheinen könnten.
Ein ausführliches Quellenverzeichnis wurde erstellt.

 

©Barbara Stewen 2007