Erzählung "Schmetterlingsflügel".

 

Im Rahmen der ...

... las Barbara Stewen am 24.10.2016 in der Katharina-Henoth Gesamtschule in Köln-Kalk aus dem Manuskript „Schmetterlingsflügel, eine Nachkriegskindheit“. Das vorgetragene Kapitel handelt von Fluchterinnerungen einer Mutter mit 4 Kindern aus Litauen im Kriegswinter 1945. Über 70 Jugendliche der Stufe 9 verfolgten aufmerksam den Vortrag, dem eine Einladung der Klasse 9c zu einer anschließenden Diskussion folgte.

s.a. Verband deutscher Schriftsteller Köln

 

Foto Niekammer

Foto Helga Niekammer

An jedem 2. Sonntag im Monat öffnen die Künstler Manuele Klein und Detlev Weigand ihr Atelier für interessierte Besucher und präsentieren mit Künstlern aus den Sparten Musik, Literatur und Kunst ein abwechslungsreiches Programm. Am 14.August 2016 wurden neben ihren Werken Skulpturen und Radierungen von Lothar Sütterlin gezeigt. Nachmittags hielt Barbara Stewen eine Lesung zu dem Thema: Flucht und Vertreibung. Sie las aus der noch nicht veröffentlichen biografischen Erzählung: „Schmetterlingsflügel, eine Nachkriegskindheit“. Das entsprechende Kapitel lautet „Flüchtlingslager im Wald im kalten Kriegswinter 1945“.
Presse: KStA und BLZ 18.08.2016 "Erlebnisse der Flucht verarbeiten"


 

Leseprobe: Vorwort und Kapitel 5 und 17

Vorwort

Diese Geschichte beginnt ein Jahr nach dem Ende des 2.Weltkrieges in einem kleinen westfälischen Dorf, das vor tausend Jahren erstmals in den Annalen eines Klosters auftauchte. Nennen wir es einfach „Schlossberg“, denn außerhalb des Ortes steht ein repräsentativer Adelssitz.
Das Anwesen wird von einem Schlossherrn bewohnt, der ein großes Gut mit zahlreichen Ländereien hat. Es liegt auf einer leichten Anhöhe und schaut auf das idyllische Dorf herunter.
Viele der Dorfbewohner arbeiten zu dieser Zeit für den Schlossherrn, dessen Vorfahren aus alten, namhaften Adelsgeschlechtern stammen, zu deren Besitz vor vierhundert Jahren fast alle Bauernhöfe der Umgebung gehörten.
In diesen alten Zeiten gab es auch eine Burg in der Gegend, doch Burgherr und Schlossherr bekämpften sich bis aufs Blut, und die Burg brannte eines Tages lichterloh bis auf die Grundmauern nieder.
Seitdem sollen kettenrasselnde Teufel mit Glutaugen nachts die Ruine und das „Teufelsmoor“, bewachen, denn der Schatz des letzten Burgherrn ist angeblich dort versenkt worden..........

Das Dorf hat eine hundert Jahre alte Kirche und einen schönen, von Bäumen umgebenen Kirchplatz, um den sich ansehnliche alte Häuser, darunter drei Gasthäuser, reihen.
Der Mittelpunkt dieses Platzes ist eine alte Heiligenstatue, die heilige Margaretha darstellend. Vor fast tausend Jahren soll hier die erste, im romanischen Stil erbaute, Dorfkirche gestanden haben. 

Das Aufregendste für die Nachkriegskinder die hier in der Gegend wohnen, ist die alte Gruft unter der „neuen Kirche“ aus dem 19. Jahrhundert, denn die Tür der Gruft ist defekt und steht offen.
Hier, zwischen den alten verstaubten Sarkophagen der verstorbenen Schlossbewohner, kann man sich so herrlich gruseln, können Kinder ihre Phantasien ausleben.....

Ebenso aufregend ist der „Fledermauskeller“, der in der Nähe der Schlossanlage im Wald versteckt liegt. In diesem unterirdischen Gemäuer wurde in alten Zeiten Eis aufbewahrt, damit die Herrschaften sich auch im Sommer an exotischen Köstlichkeiten freuen konnten.
In den „Eiskeller“, dessen Eingang von wildem Gestrüpp fast gänzlich überwuchert ist, führt eine tiefe, dunkle Treppe, die angeblich in anderen Geheimgängen mündet, eventuell sogar zu der sagenumwobenen Burgruine im Wald.......
Von der feuchten, bogenförmigen Decke des Eiskellers sollen so viele Fledermäuse herabhängen, dass der Anschein entsteht, jemand hätte schwarze Trauerflore dort angebracht.

In dieses malerische Kirchspiel gelangt Anfang 1946 eine Familie aus dem Rheinland, die während der letzten Kriegsjahre nach Litauen evakuiert war. Die Mutter und die vier Kinder haben eine entbehrungsreiche, schreckliche, monatelange Flucht aus dem Osten hinter sich.
Der Vater wird Gutsverwalter. Zunächst quartiert man die Heimatlosen in einem Wirtschaftsgebäude des Wasserschlosses ein, das direkt an der Gräfte liegt, dem Wassergraben, der das herrschaftliche Anwesen umschließt.

Nach einigen Monaten wird die so genannte Kaplanei im Dorf frei, die ebenfalls zu den historischen Bauwerken des Ortes gehört.
Etwa ein Jahr später steht wieder ein Umzug bevor. Die Familie findet Unterschlupf in einem etwa 300 Jahre alten Bauernhaus, das von Scheunen mit großen Speichern, Ställen und alten Bäumen umgeben ist.
Die Familie versorgt sich selbst. Zunächst wird noch Wasser aus der Pumpe vor dem Haus geholt, dann kommt eine Wasserleitung in die Küche.
Ein Backhaus ist ebenfalls  vorhanden, es wird auch als Schlachthaus genutzt. Ein Stall für die eigenen Hühner und Schweine gehört zum Anwesen, natürlich neben den Stallungen, die für den Baron zu versorgen sind.

Einige hundert Meter weiter führt ein Weg über einen Mühlbach. Dort steht eine uralte Hofanlage für mehrere Landarbeiterfamilien, zu der auch eine alte Mühle mit einem großen Mühlrad gehört.

In dieser scheinbaren Bilderbuchidylle, ja in einer fast märchenhaften Umgebung, wächst die kleine Elisa auf, die als Säugling mit ihren größeren Geschwistern die Flucht überlebte, aber nicht ohne seelische und gesundheitliche Schäden.
Besonders empfindsam und liebebedürftig, sucht sie oft verzweifelt nach Nähe und Anerkennung. Sie fühlt sich klein, grau und unschön, besonders neben der hübscheren großen Schwester und dem burschikosen ältesten Bruder, die beide mehr Aufmerksamkeit von den Eltern zu bekommen scheinen als sie.
Dann gibt’s noch einen Bruder, fünf Jahre älter als sie. Er zieht sich oft mit seinen Malsachen und Büchern zurück, jedoch findet man ihn auch oft in einer Lehmkuhle oder auf einem Sandhaufen    sitzend, wo er Burgen,  Schlösser und alte Kirchen modelliert 
Wenig Nähe gibt’s bei dem stets mit Sorgen beladenen Vater und der oft überforderten und gereizten Mutter. Die Zeiten sind ist hart, besonders auch für die Erwachsenen. Das so genannte einfache Leben in gesunder Natur erfordert sehr viel körperlichen Einsatz, um eine sechsköpfige Familie über Wasser zu halten.

Die Vergangenheitsbewältigung der schrecklichen Kriegserlebnisse, die auch bei den Kindern schmerzhafte und teilweise verheerende Spuren hinterlassen haben, findet nicht statt.
Elisa sucht und findet die ersehnte Zuneigung und Nähe jedoch bei vielen anderen Menschen: Bei den Landarbeitern, in den Ställen, bei den Nachbarn, Lehrern, ihrem Schulfreund Theo, nur nicht zuhause.

Da erschafft sich das phantasievolle Mädchen ein Geheimnis, um den grauen Alltag und die Bedrückung zu ertragen:
Bunte Schmetterlingsflügel, die sie in eine Traumwelt führen. Diese Schwingen wachsen von selbst, wenn sie sich glücklich und angenommen fühlt. Sie entstehen aber auch, wenn sie sich in eine Traumwelt flüchtet, um der Tristesse und Bedrückung zu entgehen.
Die schillernden Flügel des Mädchens kann kein anderer Mensch sehen, aber spüren, wer sie  kennt und liebt.

5. Eisblumen und bedrückende Erinnerungen bei Petroleumlicht

Die Tage werden immer kürzer. Die Adventszeit naht, und eines Morgens, als Elisa erwacht und aus einem Fenster des Schlafzimmers schauen möchte, sieht sie dort dicke Eisblumen wachsen. Die Fenster des Schlafzimmers setzen sich aus vier kleinen Glasscheiben zusammen, die durch weiße Holzsprossen gehalten werden. Elisa staunt. Die Morgensonne scheint durch das vereiste, glitzernde Glas und präsentiert ihr vier unterschiedliche, zarte Eisbilder. Da sind mit einiger Phantasie Farne, Sterne, Gräser und Blumen, aber auch Märchenfiguren zu erkennen.

Nun kratzt das Kind an der Scheibe, haucht kräftige, warme Atemschübe dagegen. Sofort verschwindet ein Teil des Bildes und der schneebedeckte Garten wird sichtbar.
Die grün gestrichenen „Schlagläden“ neben dem Fenster, die halb offen stehen, haben weiße, Hauben ähnliche Kanten.
Die schmalen, sauber geschnittenen Buchsbaumbegrenzungen der Beete scheinen die Rabatten mit dicken weißen Wollkordeln zu umrahmen. Der große, alte Birnbaum, gestern noch kahl, sieht jetzt richtig festlich aus, und seine Astlöcher wirken wie kleine, schwarze Höhlen mit einer winzigen, weißen Dachgaube. Die Obststräucher hingegen erinnern Elisa an die Zuckerwatteballen, die sie auf der letzten Herbstkirmes an einer Bude gesehen hat.

Das aufgehäufte Spargelbeet kommt ihr hingegen vor wie ein großes Grab.
„Ist dort wohl der Sommer begraben?“ flüstert sie. „Tot kann er ja nicht sein, denn im Frühling gibt es dort „Beulen“, die aus der Erde wachsen, weil die Spargelspitzen ans Licht wollen. Dann wird der Spargel aber sofort „gestochen“. ........ Das hat der Spargel dann davon! Warum muss er auch so vorwitzig sein?“
Elisa schaut am Fenster hinunter. Auch die Stelle vor ihrem Fenster, „der Schandfleck“, an dem zur Verwunderung der Eltern bekanntlich niemals die Blumen gedeihen, wird nun gnädig mit einer unschuldig weißen Schneeschicht bedeckt.
Jetzt wandert ihr Blick zu den Stallungen, deren Außenwände einen rechten Winkel zum Wohnhaus bilden. Das rote Ziegeldach ist schneebedeckt. Über den Fenstern der Schweineställe, die an der rechten Gartenseite liegen, hängen einige Eiszapfen. Der Frost hat dort den ersten, noch wässrig herabtropfenden Schnee in der Nacht zu glitzernden Eiszapfen erstarren lassen.

Der Gartenweg weist schon beeindruckend große, frische Fußspuren auf. Diese enden an einem Gartentor, hinter dem sich weiträumig große Felder erstrecken, die im Sommer farbenfroh leuchteten durch das Goldgelb des Korns, das Kobaltblau der Kornblume und das satte Rot des Klatschmohns.
Den Fußspuren nach zu urteilen ist der Vater schon lange auf den Beinen. Er hat sicherlich schon frühmorgens die Schlagläden geöffnet, ist bereits auf dem Weg zu den Stallungen, bekleidet mit derbem Schuhwerk, Gamaschen, Bridgeshosen, derber, warmer Joppe sowie einem lodengrünen Hut aus warmem Filz.
Die Bridgeshosen, die bis zur Wade reichen, sind für ihn ein zweckmäßiges Kleidungsstück, praktisch zu tragen auf dem Kutschbock, beim Reiten, oder auf dem Motorrad, falls weiter entfernte Felder aufgesucht werden müssen.
Einmal hatte Elisa aus solch einer Hose, die aus dunkelbraunem Cord bestand, einen Faltenrock bekommen. Weil der Vater groß und kräftig ist, brauchte die Schneiderin für den kleinen Rock nur den Stoff eines Hosenbeines. Elisa hat diesen Rock nie sehr gemocht, und befürchtet immer, dass dieser, wenn er abgenutzt ist, durch einen zweiten Rock ersetzt wird. Der wäre dann, so denkt das Mädchen, bestimmt aus dem anderen Bein der alten braunen Hose.

Heute Abend würde der Vater später kommen, das hat Elisa gehört. Sie freut sich. Die Freude ist nicht unbedingt auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Vater abwesend sein wird, obwohl sie immer ein wenig Furcht vor ihm hat. Die Vorfreude gilt eher einer gemütlichen Dämmerstunde im „Stübchen“ bei Petroleumlicht.

Das Stübchen ist das zweite Wohnzimmer, das „Alltägliche“ sozusagen. Das „gute Wohnzimmer“ dagegen wird nur zu Festtagen geheizt und genutzt. An den übrigen Tagen des Jahres liegt es kalt und ein wenig düster rechts neben der großen Eingangstür auf der anderen Seite des Hauseinganges.
Die zwei kleinen Sprossenfenster des Raumes lassen nicht viel Licht durch, weil sie durch Obstbäume beschattet werden. Der düstere Eindruck des Raumes verstärkt sich noch durch die dunklen, schweren Eichenmöbel im Stil der Gründerzeit, die aus dem großbürgerlichen Elternhaus der Mutter stammen. Sie waren ehemals für große, repräsentative Räume gefertigt, weniger für kleine Bauernstuben.
Weihnachten jedoch, wenn der Ofen bullerte und festliche Lichter glänzten, die durch die langen Lamettafäden und die Glaskugeln am Christbaum reflektiert wurden, wenn der Duft von Tannen, vom Moos der schönen Krippe, und von selbstgebackenen Plätzchen in der Luft lag, dann war es der schönste Raum für die Kinder.

Elisa träumt vor sich hin. Nach dem Mittagessen baut sie einen kleinen Schneemann, direkt neben der alten Pumpe vor dem Haus. Sie steckt ihm Kohlen als Knöpfe in den Bauch. Damit der Schneemann freundlich schaut, werden ihm fünf schwarze Zähne aus Kohlen verpasst, natürlich mit aufsteigenden Mundwinkeln.
„Du hast wohl zu viel „gepriemt“, wie Opa Anton?“ rügt das Kind den Schneemann. Opa Anton ist der älteste Arbeiter. Sein Mund fasziniert die Kinder, besonders wenn er ihn zu einem Grinsen verzieht. Dann werden braunschwarze Zahnstumpen sichtbar, die wie dunkle Pfähle einer finsteren Höhle wirken.
Doch der Schneemann ist noch nicht fertig. Ein Stück Futterrübe als Nase und ein paar „Buschen“ aus dem Schuppen, unter den rechten Arm gesteckt, als Reisigbesen. Schließlich soll der weiße Mann auch arbeiten und nicht nur herumstehen. “Rumstehen, und wohlmöglich die Hände in den Taschen! Das kann der Vater nicht leiden! Ausruhen ist was für sonntags“.
Die Mutter stiftet noch einen ganz alten Hut des Vaters, und die Hunde im Hof kläffen ganz aufgeregt gegen den fremden, weißen Störenfried an. Die Hundehütte wirkt wie ein Miniaturhaus mit Schneedach. Leider sind beide Hunde, der Schäferhund „Dina“ und ein westfälischer „Spitz“ mit ebensolchem Namen, an einer Kette befestigt.
Sie sollen als Wachhunde fungieren, sehen aber weder sehr Respekt gebietend aus noch sind sie in irgendeiner Art gefährlich. Das kommt wohl daher, dass die Kinder gerne mit ihnen spielen. Das ist eigentlich untersagt, weil es die Tiere „verzärtelt“.
Die Hierarchie auf dem Hof ist wie folgt: Erst kommt der Mensch, dann lange gar nichts. Danach folgen in einer Rangordnung die Nutztiere. Wenn zum Beispiel Hunde oder Katzen „werfen“, wird der gesamte Tiersegen, bis auf ein Exemplar, in einen Sack gesteckt, an die Mauer der Gräfte geschlagen und dann im Wasser versenkt. Elisa würgt es, wenn sie daran denkt. Hoffentlich bekommt Spitz, der eigentlich eine „Spitzin“ ist, keine Jungen mehr!

Mit einem Mal verschwindet das warme Licht der rötlichen Abendsonne hinter dem alten Mühlengehöft. Die Mutter pflegt an solchen Abenden, wenn sich der Himmel rotgelb verfärbt, zu sagen: „Das Christkind backt sicherlich schon Plätzchen für Weihnachten!“ Die langen Schatten der Dämmerung werden immer größer und im Haus gehen einige Lichter an.
Es wirkt nun so heimelig!
Das Kind läuft hinein.
Im „Stübchen“ wird mit den Geschwistern der Abendbrottisch gedeckt und im Ofen, der ockergelbe Kacheln hat, knistert ein wärmendes Feuer. Hier ist es im Winter gemütlicher als in der großen, zugigen Küche mit dem kalten, grauen Steinboden. Das Stübchen hat einen Holzboden, der einmal in der Woche mit Schmierseife gescheuert werden muss. Diese Aufgabe soll meistens Anna übernehmen. Schlimmer aber noch ist für sie das Wischen der Steinplatten in der Küche. Das Wischwasser vermischt sich schnell mit der jahrhundertealten Erde, die aus den Erdfugen gerieben wird. Der Aufnehmer bleibt oft an den rauen Steinplatten hängen, was die Arbeit noch erschwert. Dementsprechend mürrisch wird diese schwere Aufgabe von der großen Schwester ausgeführt.
Vor dem ockerfarben gekachelten Stubenofen steht ein schwarz glänzender, bemalter Emailleschirm. Der Ofen hat am oberen Rand ein gusseisernes Zäunchen, so dass auf der Ofenplatte ein Emaillekännchen mit Milch oder Kaffee warm gehalten werden kann, ohne herunterzufallen.
Hinter dem Ofenschirm mit den Jugendstilblüten dürfen sich die Mädchen manchmal an- oder ausziehen, wenn das Schlafzimmer eiskalt ist und dicke Eisblumen innen am Fenster blühen.
Unter dem Ofen ist ein Metallblech angebracht, damit heraus fallende Kohlen nicht den Holzboden versengen. Eine gefüllte Kohlenschütte, ein Eimer mit Briketts und ein Korb mit Holzscheiten stehen stets daneben. Dafür sorgen die Brüder. Ein „Stocheisen“ hängt an der Wand. Dort hängt es auch gut. Fürchterlich wird es, wenn die Mutter wütend damit droht!

Elisa geht zum gedeckten Esstisch. Durch eine Glasscheibe in der oberen Hälfte der Stubentür sieht sie in das Gesicht der Mutter, die nun hereinkommt und sich mit den Kindern zu Tisch setzt.
„Lieber Gott, sei unser Gast, und segne alles, was du uns bescheret hast!“ betet Anna vor, und alle stimmten in das „Amen“ ein. Und nun wird es zunächst so, wie Elisa gehofft hat.
Nachdem der Tisch abgedeckt, die Teller und das Besteck in dem alten Steinbecken in der Bauerküche gespült und abgetrocknet sind, setzen sich Mutter und die vier Kinder um den Tisch und erzählen im Schein des milden Lichtes der Petroleumlampe von den Monaten der Flucht. Dabei bleiben die Gesichter der Lauschenden und Erzählenden im Halbdunkel. Die Zungen lösen sich, weil das schummrige Licht Nähe und Intimität verbreitet. Die anheimelnde Atmosphäre erleichtert es der kleinen Gruppe, die sich um den alten Familientisch versammelt, über die Schrecken der langen Flucht aus Litauen zu sprechen. Zahlreiche Erlebnisse werden in Erinnerung gerufen, erneut durchlebt, ergänzt, müssen noch verarbeitet werden.

„Weißt du noch...?“ so beginnen die meisten Sätze.
„Weißt du noch, wie der tote Bahnwärter am Wärterhäuschen lag?“ fragt Anna ihren Bruder Johann.
„Wisst ihr noch, wie wir bei einer Bäuerin auf einem Kotten Unterschlupf fanden, und russische Soldaten auf den Hof fuhren?“ ergänzt Otto, der Älteste. „Die wollten die Männer des Dorfes erschießen. Die Bäuerin hat ihren alten Vater, er war der einzige Mann im Dorf, der noch übrig geblieben war, in die Holztruhe gesteckt, sich darauf gelegt und dick zugedeckt. Als ein Soldat hereinstürmte, hat die Frau laut gestöhnt und unsere Mutter rief dem Soldaten zu: „Frau sehr, sehr krank, ansteckend, muss bald sterben...!“

Da ist der Soldat voller Panik herausgelaufen, hat im Hof ein Schwein erschossen, aufgeladen, und ist mit den anderen Soldaten singend und grölend weggefahren!“ ergänzt Johann mit bewegter Stimme.
„Wisst ihr noch, dass in den Flüssen tote, aufgequollene Kühe schwammen?“ fügt Otto ein.
„Erinnerst du dich, dass du an einem zerbombten Güterbahnhof für uns Kartoffeln klauen solltest und erwischt wurdest?“ fragt Anna den Bruder mit zitternder Stimme. „Ach, du warst ja so ein kleines, schmächtiges, ausgehungertes Männlein mit kahl geschorenem Kopf, sahst so Mitleid erregend aus. Wahrscheinlich hat dir darum niemand was getan, man konnte dich gut betteln schicken...“ ergänzt die Mutter.
Ihr Blick fällt auf den schmalen, hageren Jungen mit den auffallend klugen, blaugrauen Augen und dem dichten, im Nacken sehr kurz geschorenen Haarschopf, der die abstehenden Ohren noch mehr zur Geltung bringt.
Irgendwie scheint diese „Musterung“ nicht ganz zur Zufriedenheit der Mutter ausgefallen zu sein, denn nun wendet sie sich ihrem Ältesten, Otto, zu.
„Aber als du im Gedränge an einem Bahnhof verloren gingst, das war fürchterlich!“ flüstert sie und schüttelt dabei schaudernd den Kopf: „Ich dachte, dich sehe ich nie wieder!“ „Und ich habe mich zu Tante Henriette nach Zossen durchgekämpft, nur um für sie und ihre faulen Blagen den Fluchtkarren zu ziehen...! Tante Henriette ist eine doofe Ziege! Sie hat mich nur ausgenutzt!“ „Otto!“ mahnt die Mutter streng. Dann wird ihr Blick weicher. Otto, ihr erster Sohn, macht seinem geschichtsträchtigen Namen alle Ehre. Er ist groß, hat mittelblondes, gewelltes Haar, sieht schon jetzt als Vierzehnjähriger wie ein kleiner Filmstar aus. Die Mägde in den Ställen kichern anders, wenn er in der Nähe ist, doch noch hatte Otto nicht viel für sie übrig, kommentiert solche Sympathiebekundungen mit zwei markanten Worten: „Blöde Ischen!“
Elisa folgt dem Blick der Mutter und denkt: „So hat mich die Mutter noch nie angesehen. Den Otto mag sie am liebsten!“
Doch der Vater kennt auch bei Otto kein Pardon. Nicht selten hat der Riemen auf seinem Rücken getanzt. Danach ist Otto aber erst recht wütend, knallt die Türen und ärgert die jüngeren Geschwister mit frechen Bemerkungen.
In der Schule bekommt Otto, wie alle Jungen der Gemeinschaftsklasse der Dorfschule, das Stöckchen der strengen Lehrerin auf seinen Fingern zu spüren.

Die Mutter berichtet weiter, indem sie Otto ansieht: „Dass du dich als Zehnjähriger alleine durchgeschlagen hast, ist unglaublich! Gut, dass meine Schwestern für uns da waren. Zunächst Henriette, mit der du von Zossen weiter flüchten konntest, bevor die Russen da waren. Wer weiß, was sonst passiert wäre?“

Vorwurfsvoll wirft Anna ein: „Weißt du noch, Mutter, wie wir bei Eis und Schnee im Wald lagerten und du mich ausgeschimpft hast, weil ich von den matschigen, angefrorenen Kartoffeln naschen wollte? Ich hatte doch furchtbaren Hunger!“

„Anna, das war das einzige Essen, das ich für unser Baby organisiert hatte!“ verteidigt sich die Mutter vehement und wendet sich der kleinen Elisa zu:
„Ich dachte jeden Morgen, du lägst tot in deinem verdreckten, feuchten Kinderwagen, erfroren, verhungert, oder an deinem Husten erstickt.“
Elisa horcht mit angehaltenem Atem, schaut die Mutter mit weit aufgerissenen Augen an.

„Es war im Januar 1945.“, fährt die Mutter mit brüchiger Stimme fort: „Wir mussten oft in Eis und Schnee im Wald übernachten, deine Windeln, Elisa, im eisigen Schneewasser waschen. In den Lagern waren wir Frauen vor den Russen nicht sicher.......... Aber das versteht ihr noch nicht, was unsereins durchgemacht hat... auch um euch Kinder zu schützen.“ Eine bedrückende Pause entsteht. Die Mutter schluckt, fährt sich mit zitternden Fingern nervös durchs dichte braune Haar. Die Narben sind nur äußerlich verheilt. Die größte Aufgabe, nämlich die Vergangenheit zu bewältigen, liegt noch vor ihnen, doch diese Abende sind ein erster Schritt.

Anna und Johann sehen sich an. Sie haben stets gefühlt, dass Schreckliches passierte, wenn russische Soldaten in die Flüchtlingslager stürmten, wenn sich die Frauen hektisch in alte Weiblein verwandelten, sich hässlich machten, die Kopftücher ins Gesicht zogen, die Gesichter mit Schmutz beschmierten, die Kinder aufforderten, laut zu schreien und zu weinen um die Soldaten zu vertreiben. „Aber die Russen haben auch Frauen mitgenommen, die keine Kinder hatten...“ wendet Johann zaghaft ein. „Ach, was wisst ihr schon vom Leben!“ seufzt die Mutter abwehrend. „Ich gehe mal in die Küche.“ Ihre Stimme klingt brüchig und niedergeschlagen. „Ich habe einen ganz trockenen Hals......“

Johann flüstert Anna zu: „Weißt du noch, wie die Mutter zwischen den Gleisen hergewankt ist, und immer gestammelt hat: Ach wär’ ich doch tot, ach wär’ ich doch tot!“
Mutter kommt wieder herein, hat für die Kinder Apfelsaft aus Äpfeln eigener Ernte mitgebracht. Otto hat die Tür zur Vorratskammer gehört. Hat sich die Mutter aus der Flasche mit dem Westfälischen Korn ein Schlückchen Mut angetrunken?

Johann erinnert sich: „Wisst ihr noch, dass ein betrunkener Soldat einen Armeerevolver an Elisas Stirn hielt und grölte, Mutter sollte mitkommen, sonst würde er abdrücken. Wir waren starr vor Schrecken!“ Elisa schaut Johann mit weit aufgerissenen Augen erschreckt an und flüstert: „Wirklich?“ „Dann hat er plötzlich eine alte Klampfe auf einem Kleiderschrank erblickt, sie ergriffen, und wie blödsinnig wehmütige Lieder darauf gespielt. Die Pistole steckte er erst mal wieder in seine Koppel! Das Musikinstrument hat dich gerettet, kleine Elisa.“ ergänzt Johann nachdenklich.

Elisa fühlt sich plötzlich müde und bedrückt. Eine Pistole an der Stirn! Hätte der Soldat abgedrückt, wäre es ihr ergangen, wie dem Schwein, das vor zwei Wochen schwarz im Backhaus geschlachtet wurde.
Ihre Gedanken gehen bis zu dem Abend zurück, als der Metzger mit seinem Motorrad auf den Hof fuhr. Eine bleierne Müdigkeit erfasst sie. In ihrer Erinnerung taucht aus der Dunkelheit ein Mann im schwarzen Ledermantel auf. Unheimlich wirkt die dunkle Gestalt auf das Kind durch seinen fetten Glatzkopf und die stechenden, hervorquellenden Augen.
Das Schwein, voller Todesangst laut und panisch quiekend, wird nun aus dem Stall gezerrt. Es hat einen Strick um den Hals, sträubt sich vehement, weiter zu gehen, kann nur mit Gewalt ins Backhaus gezogen und geschoben werden.
Johann und Anna schleichen sich aus dem Haus, gehen geduckt auf das Backhaus zu. Elisa trappelt hinterher. Johann zischt warnend: „Bleib im Haus, das ist nichts für kleine Kinder!“ Doch Elisa glotzt schaudernd mit den Geschwistern durch das mit Spinnweben verhangene Backhausfenster, drückt sich die Nase platt.
Da trifft ein wuchtiger Schlag das Schwein am Kopf. Die Gummischürzen des Metzgers und des Vaters werden im Nu mit Blut bespritzt.
Elisa hält den Atem an. Das Tier sackt, einen furchtbaren, wehen Laut ausstoßend, zusammen. Im nächsten Moment zerreißt ein Revolverschuss die Stille der Nacht. Die Kinder erstarren. Eine rote Fontäne quillt aus dem Kopf des Schweins. Der Vater lässt seelenruhig das Blut in eine Wanne laufen. Auch an seinen Händen klebt Blut...
Morgen würde mit diesen Händen aus dem geronnenen Körpersaft Blutwurst gemacht werden........
Elisa schlummert, wie stets während der „Beichtstunden im Petroleumlicht“ unter dem Eindruck dieser Erinnerungen ein, spürt, dass etwas sehr Schweres auf ihr liegt. Sie dreht den Kopf zur Seite, erkennt die toten Augen des Schweins, aus denen Blut fließt. Sie wendet sich ab.
Nur von Fern vernimmt sie weiterhin die Erzählstimme ihrer Mutter, verwaschen, verschwommen, so, als ob sie sich aus großer Tiefe an die Oberfläche kämpfen müsste. Die Töne kommen näher, werden klarer und formieren sich zu einer Szene die Elisa vor Augen hat, die sie alle kennen, die jedoch jedes Mal wieder hochkommt, wieder und wieder erzählt wird, wenn sie eng aneinander rücken.

17. Tod im Kornfeld

Der Mann rannte und duckte sich plötzlich in seinem schnellen Lauf.
Schlagartig spürte er, wie das Geschoss in seine Lunge drang und sie zerriss. Er fühlte, wie tausend Blitze in seinem Kopf zuckten, und Bilder und Gedanken, wie ein zu schnell gespulter Film, in seinem Erinnern sekundenlang auftauchten und wieder versanken.
Die Wucht des Schusses, und der nun einsetzende, fürchterliche Schmerz, warf seinen gebückten Körper zu Boden.
Der Getroffene lag nun mit dem Gesicht auf der von der Sonne verdörrten Erde. Um ihn wogte im Sommerwind, wie ein schützender, beschirmender Wall, eine Wand aus Kornähren, Kornblumen, Klatschmohn und Ackerwinde.
Einige Käfer huschten verschreckt über den Boden und verschwanden hastig im Dickicht der Halme.
Der Verletzte spürte sein warmes Blut, das in einem erneuten Schwall aus dem offenen Mund quoll, um dann augenblicklich vom trockenen Ackerboden aufgesogen zu werden.
Von Ferne hörte er verschwommen die Glocken der Dorfkirche, die zum Hochamt riefen.
 
Während der Erntearbeit, zu der er mit einigen Kameraden aus dem nahe gelegenen Strafgefangenenlager abkommandiert worden war, hatte er die Glocken schon einmal vernommen, nämlich als sie zur ersten Messe riefen.
Weil ein Unwetter zu befürchten war, sollte die Ernte des Barons an diesem Sonntag mit Hilfe der Strafgefangenen eingefahren werden.
Die Glocken, die Glocken! Sie erinnerten den Mann an seine Kindheit und die friedlichen Sonntage zuhause, vor dem Krieg!
Die Glocken hatten ihn unüberlegt ins Feld gelockt.
Die Glocken, der Sonntag, die Sonne! Das bunte Kornfeld! Der Geruch des reifen Korns und des aufgewühlten Ackerbodens!
Der Wunsch nach Freiheit war übermächtig geworden.

Das Kornfeld am Haus,  Barbara Stewen 2007

 

Der Mann war noch jung. Nach dem Krieg hatte er keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen und war in so genannte schlechte Gesellschaft geraten. Zwei Jahre musste er nun noch verbüßen! Für ihn eine zu lange Zeit. Er wollte nicht mehr warten!

Er wollte frei sein!

An diesem heißen, sonnigen Sonntagmorgen, umgeben von wogenden Kornfeldern und einer idyllischen Bauernschaft, schien ihm dieses Fleckchen Land wie ein Paradies auf Erden, sofern man sein Leben nicht hinter Gittern verbringen musste.  Hier draußen spielte sich für ihn das volle Leben ab!

Lauernd arbeitete der Gefangene weiter. Aus den Augenwinkeln sah er die Kutschen der Bauern, die ratternd über den Feldweg fuhren, sonntäglich angezogene Kinder in weißen Sonntagsschürzchen, aus Voile, junge hübsche Frauen in luftigen, geblümten  Sommerkleidern, und die gepflegten Bauerngärten, die von dichten, hohen Hecken umgeben waren. Er nahm alles sehr intensiv wahr: Die Bienen, die sich summend auf den Kornblumen niederließen, die Pferdefliegen, die den Ackergaul umschwirrten, ihn quälten, um dann von seinem langen Schweif ungeduldig verjagt zu werden. Er sah Vögel, die gierig über dem Feld kreisten, sich bereit hielten, das gedroschene, heruntergefallene Korn zu stibitzen, und er erblickte auch, als er sich bückte, um eine Garbe zu binden, durch seine gespreizten Beine die blanken Lederstiefel des Aufsehers am Rande des Feldes!

Vor den Feldern verlief ein Landwirtschaftsweg. Das angrenzende Kornfeld war etwa zu einem Drittel abgemäht, jedoch schlossen sich rundherum weitere schützende Felder an, deren meterhohe Halme wie ein wogendes, gelbes  Kornmeer wirkten. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Mann nun, dass der Aufseher zu dem Mannschaftswagen ging, der die Gefangenen hergefahren hatte. Fast automatisch spannte sich der Körper des Gefangenen! Er wollte frei sein!

Blitzschnell rannte er los. Er lief um sein Leben, lief auf das schützende Kornmeer zu, hörte von Ferne aufgeregte Rufe und den Befehl: „Halt, stehen bleiben, oder ich schieße!“.

Als der Flüchtende das Feld erreichte, spürte er, wie der Warnschuss über ihn hinwegpfiff. Reflexartig duckte er sich, als der zweite Schuss abgefeuert wurde, und brach, eine blutige Spur auf dem Ackerboden hinterlassend, zusammen. Noch einmal versuchte er, ein Stück weiterzukriechen, und gab dann auf.

Tröstlich schien ihm nun der Klang der Glocken, der sich mit dem Rauschen des Kornfeldes zu einem lauten Brausen vermischte, und mit letzter Anstrengung kam aus dem Mund des Sterbenden der verzweifelte Satz: „Oh Gott!“ Dann fiel sein Gesicht auf die Seite, und die Blutlache gab dem blassen Antlitz des jungen Mannes einen  erschreckenden Rahmen. Ein Anblick, der dem herbeistürmenden Aufseher noch Jahre lang im Gedächtnis blieb.

Er hatte die Beine des Flüchtenden treffen wollen, und gerade dann geschossen, als sich der Mann blitzschnell duckte. Der später eintreffende Arzt konnte nur noch dem Aufseher helfen, der einen Kreislaufkollaps erlitten hatte.

Die Fensterscheiben des sonntäglichen Stübchens klirrten, als der erste Schuss fiel. Der Knall zerriss jäh die sonntägliche Idylle. Fast synchron setzten Vater und Mutter mit erschreckten Mienen die Kaffeetassen des Sonntagsgeschirrs ab. Der Kaffee schwappte über und hinterließ eine braune Lache auf der weißen Untertasse und ertränkte im Nu das bunte Blümchenmuster des Geschirrs.

Da fiel der zweite Schuss.

Der Vater sprang so vehement auf, dass der schwere Eichenstuhl umkippte. „Da ist was passiert!“ polterte er, rannte nach draußen, lief auf das Feld zu, stürmte mitten in den aufgeregten Lärm, die entsetzten Schreie und das ratlose Stimmengewirr. Die Mutter, Otto, Johann, Anna und Elisa saßen zunächst erschreckt und wie gelähmt mit offenem Mund auf ihren Stühlen. Bewegung kam nur in die Fliegen, die sich nun unbemerkt über Honig, Marmelade, Schinken und Sonntagsstuten hermachten, nicht fürchtend die Fliegenklatsche und das klebrige Insektenband, das unter der niedrigen Holzdecke hing.

Nun kam Bewegung in die Gruppe. „Da ist einer erschossen worden!“ rief Otto folgerichtig, und stürmte mit Johann zur Tür. Jetzt hatte sich auch die Mutter von dem Schrecken erholt und verbot sofort den Mädchen mit aufgeregter Stimme, auch nur einen Schritt vor die Tür zu tun. „So Schüsse haben wir doch im Krieg oft gehört!“ maulte Anna, doch die zitternde Stimme verriet ihre Angst.

Elisa hatte sich hinter dem großen Eichensessel versteckt, schaute aber neugierig über die Mähne des Löwenkopfes, der den Sessel zierte. So konnte sie den Garten sehen, und die hohe Hecke, die das Feld vom Garten trennte. Die Szenen, die sich abspielten, erinnerten Elisa an ein Kasperle-Theater. Sie sah nur Köpfe, die sich hin-, und herbewegten. Die Körper wurden von der Hecke verdeckt. Sie erspähte das dicke, rotbackige Gesicht des Dorfpolizisten, der solch ein Tschako trug, wie der Polizist in Johanns Kasperle-Theater.

Der dicke Polizist, „Tschimmeg“ genannt, wurde im Dorf oft belächelt, doch nicht wegen seines gewaltigen Körperumfanges. Wenn er mit seinem Fahrrad unterwegs war, stießen sich die Kinder grinsend an und sagten: „Guckt mal, der Tschimmeg, der hat doch in seiner Pistolentasche bloß wieder ne Speckseite und ne Stulle versteckt!“ Dann fuhr Tschimmeg die Kinder an: „Ihr bösen Bengel, wartet, bis dass ich euch mal erwische!“ Dabei drohte er jedes Mal mit seinem Schlagstock, wodurch das Fahrrad bedrohlich ins Schwanken kam, so das die Kinder kreischend auseinander stoben und dem Polizisten lachend nachschauten, weil sein breites Hinterteil zu beiden Seiten des spitzten Ledersattels herunterhing..

Autos fuhren nun auf das Feld zu und bahnten sich vorsichtig den Weg durch die Menschenansammlung. Die Stimme des Vaters war unüberhörbar. Er schien die Sache zu regeln, so wie er immer alles regelte, dachte Elisa beruhigt.  „Ob wohl jemand schwer verletzt ist?“ fragte sie sich immer wieder. Nun kam eine ganze Prozession von Männern auf den Hof zu. In der Mitte bewegte sich, leicht schwankend, der Aufseher in seiner olivefarbenen Uniform. Ein Motor sprang an, und ein dunkles Auto, das Ähnlichkeit mit einem Lieferwagen hatte, entfernte sich in Richtung Landstraße.

Das Feld war abgesperrt. Zwischen den Zuschauern am Rand des Feldes, erblickte Elisa auch Johann und Otto. Elisa erspähte Johanns ernste Miene. Er wandte er sich traurig vom Schauplatz ab und ging auf den Hof zu. Sein Gesicht war schreckensbleich.

Elisa schlich in die Küche und sah sich um. Die Mutter war nicht zu sehen. Schnell eilte sie durch die Ställe, erreichte die Tenne und spähte durch das große Hoftor. Sie erblickte den Aufseher. Er hatte sich an die alte Scheunenwand gelehnt, die aus rauen  Backsteinen bestand. Das Gesicht des Mannes war blass und bildete einen Kontrast zur braunroten Mauer.  Die Uniformmütze war in den hager aussehenden Nacken gerutscht. Das dunkelblonde, sonst gescheitelte und gewellte Haar des kleinen, eher schmächtigen Aufsehers hing nun strähnig in der  schweißnassen Stirn. Diese war dort, wo üblicherweise die Mütze saß, kalkweiß. Das übrige Gesicht, sonst sonnenverbrannt, hatte nun den Ton  blassen Milchkaffees angenommen.

Mit leiser Stimme stand der Aufseher Elisas Vater und einem Polizisten aus der Kreisstadt Rede und Antwort. „Ich wollte dem Mann in die Beine schießen, da hat er sich blitzartig im Schutz des Kornfeldes gebückt...! Mein Gott!“, brach es mit einem Mal verzweifelt aus dem Mund des Mannes heraus: „Ich habe einen jungen Menschen erschossen!“

„Na, na, Haltung Mann, sie war’n doch mal Soldat! Ist doch gar nicht so lange her! Kopf hoch, mein Lieber!“ meinte der leitende Polizeibeamte mit schnarrendem Unterton. Doch der Aufseher wandte sein blasses Gesicht ab und drehte den Kopf zur Seite, so dass Elisa für einen Moment in seine Augen sah, in denen so viel Verzweiflung stand, dass sie seltsam berührt und betreten zur Seite schaute. Nun erst begriff sie in vollem Maße, was geschehen war. Ein Mann war erschossen worden, aber einen Mörder hatte sie sich ganz anders vorgestellt.

Elisa schauderte. Sie hatte die Gefangenen, die zur Erntezeit  geholt wurden, des öfteren gesehen. Einige schenkten ihr ab und zu ein Lächeln, wenn sie in einem Gefangenentransportwagen in den Hof einfuhren, und Elisa dort gerade die Hühner fütterte, oder mit Hund Möhrchen spielte.

„Vielleicht kenne ich ja den Gestorbenen?“, dachte sie, und versuchte sich einige Gesichter vor Augen zu rufen. Ein Antlitz ließ sie nicht los: Das Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes, mit Augen von einem intensiven Blau. Der hatte ihr schon einmal freundlich  zugerufen: „Na, Kleene, wie heest’e  denn?“

„Dieser Mann“, so überlegte Elisa, „hatte stets zum Gefangenentransport gehört!“ Einmal bemerkte sie auf seinem Unterarm eine Tätowierung in Form eines Ankers. Obwohl ihre Neugier geweckt war, scheute sich Elisa, dem Mann Fragen zu stellen, denn die Mutter hatte sehr eindrücklich betont, dass sie sich  von den Gefangenen fernhalten solle. Jedoch auf die freundliche Frage des Gefangenen nach ihrem Namen hatte sie zunächst nur schüchtern den Kopf schief gelegt, den Mann scheu angelächelt, verlegen an ihrem Schürzenzipfel gedreht und  kaum hörbar „Elisa“ gehaucht. Dann war sie blitzschnell weggerannt.

„Lieber Gott“, betete sie nun: „Bitte, lass nicht den Mann mit dem Anker auf dem Arm tot sein!“

Betrübt ging sie zur Hundehütte, holte sich Möhrchen, verschwand auf dem Heuboden, und erzählte dem Tier die ganze Geschichte, während sich ihr Gesicht in sein Fell drückte. Doch ganz tief im Herzen wusste sie, dass sie den Mann mit den blauen Augen und dem Anker auf dem Arm nie mehr wieder sehen würde.